Einführung Art Brut

Art Brut oder Outsider Art ist eine Bezeichnung für autodidaktische Kunstwerke, die abseits des etablierten Kunstsystems entstanden sind, meist von psychisch Gestörten, von mehrfach Behinderten, Medien, Gefangenen, Außenseitern oder einfach gesellschaftlich Unangepassten ("Außenseitern").


Bild links: Art-Brut-Bild von Adolf Wölfli
Bild rechts: Art-Brut von Sieglinde Drescher (KoKo)

Entstehung der Kunstrichtung

Die deutsche Bedeutung von Art Brut lautet in etwa "rohe, unverfälschte oder unvermittelte Kunst". Im französischen Original klingt die Nebenbedeutung "edel-herb" mit (vgl. "Champagne Brut"). Den Begriff prägte 1945 der französische Maler und ehemalige Weingroßhändler Jean Dubuffet. Da Art Brut in engem Zusammenhang zu Dubuffets kunsttheoretischen Anschauungen steht und stilistische Anlehnungen in seinem Werk unübersehbar sind, wird die Bezeichnung oft fälschlicherweise mit seiner eigenen Kunst identifiziert. Wichtiger ist jedoch die Verbindung zu seiner Tätigkeit als Sammler.

Dubuffet betrachtete die Prägung "Art Brut" als sein geistiges Eigentum und behielt sich vor, sie als eine Art Gütesiegel selbstherrlich Künstlern jeweils zu- oder abzusprechen, so etwa im Falle von Gaston Chaissac. Dieser Alleinvertretungsanspruch sowie die Eingrenzung auf seine eigene Sammlung - die Collection de l'Art Brut - wurden schon früh von André Breton und später Harald Szeemann kritisiert. Die Kustoden der Sammlung in Lausanne, Michel Thévoz und Lucienne Peiry, lassen Art Brut als Stilbegriff weiterhin ausschließlich für diese Werke gelten und stellen ihn damit in Konkurrenz zu anderen Bezeichnungen für marginalisierte künstlerische Ausdrucksformen: "Bildnerei von Geisteskranken" (Hans Prinzhorn, Heidelberg), "Zustandsgebundene Kunst" (Leo Navratil), "Naive Kunst"; im anglo-amerikanischen Sprachraum sind die Begriffe "Outsider Art" (Roger Cardinal), "Visionary art", "Self-taught art" oder "Raw Art" verbreitet, insbesondere nach der umfassenden Wanderausstellung Outsiders, die Cardinal gemeinsam mit dem Künstler und Sammler Victor Musgrave 1979 für das Arts Council of Great Britain organisiert hatte. Trotz ihrer Offenheit und Unschärfe hat sich die Bezeichnung "Art Brut" international mehr durchgesetzt und wesentlich zur Anerkennung marginalisierter Kunstformen beigetragen. Einher mit diesem kulturellen Anerkennungsprozess ging in den letzten Jahrzehnten die intensive und erfolgreiche Förderung von künstlerischem Arbeiten zu therapeutischen Zwecken - etwa durch den Psychiater Leo Navratil (; Nachfolger: Johann Feilacher) im Künstlerhaus Gugging in Klosterneuburg bei Wien oder durch La Tinaia - Centro di Attività Espressive in Florenz. Mittlerweile spezialisieren sich auf Art Brut ein eigenes Segment des Kunsthandels mit internationalen Messen (der Kunstköln und der New Yorker Outsider Art Fair) sowie spezielle Magazine, etwa die englische Zeitschrift Raw Vision. Seit 2000 gibt es den Euward, den Europäischen Kunstpreis Malerei und Graphik von Künstlern mit Behinderung.

"Collection de l'Art Brut"

1947 gründete Dubuffet mit einem Kreis von Gleichgesinnten (u.a. dem Surrealisten André Breton) in Paris den Verein Compagnie de l'Art brut, mit dem Ziel, Außenseiterkunst zusammenzutragen, zu dokumentieren und bekanntzumachen. In der Pariser Galerie René Drouin kam es zu Einzelausstellungen mit Werken u. a. von Adolf Wölfli und Aloïse Corbaz; 1949 wurden dort 200 Werke von 63 Urhebern unter dem Titel "Art brut préferé aux arts culturels" (Vorzüge gegenüber der kulturellen Kunst) präsentiert. Im Katalog definierte er Art Brut als subversive, alternative Kunstform abseits der erstickenden "kulturellen Künste". In diesem als Manifest konzipierten Text betonte er auch, dass Art Brut jenseits kultureller Normen nicht automatisch identisch mit psychopathologischen Schöpfungen ist: "Wir sind der Ansicht, dass die Wirkung der Kunst in allen Fällen die gleiche ist, und dass es ebensowenig eine Kunst der Geisteskranken gibt wie eine Kunst der Magenkranken oder der Kniekranken." 1951 löste Dubuffet den Verein auf und transportierte die Sammlung nach East Hampton in den USA, wo sie der Künstler Alfonso Ossorio betreute; 1962 kehrte sie nach Paris zurück und wurde 1967 im Musée des Arts décoratifs ausgestellt. In den folgenden Jahren stieg die Anzahl der Werke beträchtlich. 1975 schenkte er seine mittlerweile auf 15.000 Objekte angewachsene Sammlung der Stadt Lausanne, wo sie seit 1976 in einem öffentlichen Museum, der Collection de l'art brut, ausgestellt wird. Gründungsdirektor war Michel Thévoz, mittlerweile wird das Museum von Lucienne Peiry geleitet.


Bild: Objekt aus der Sammlung Prinzhorn. Heidelberg

Einige prägnante Vertreter = KünstlerInnen

Aloïse Corbaz, Heinz-Frieder Adensamer, Anton Blizstein, Barbier Müller, Ludwig Bauer, Karin Birner, Ulrich Bleiker, Benjamin Bonjour, Joseph Crépin, Henry Darger, Sieglinde Drescher, Paul End, Johann Fischer, Auguste Forestier, Giordano Gelli, Madge Gill, Paul Salvator Goldengruen, Elisabeth Haider, Oskar Hannl, Johann Hauser, Emile Josome Hodinos, Wolfgang Hueber, Anita Kaiser-Petzenka, Franz Kamlander, Adam Dario Keel, Gerhard Kobrc , Richard Kohn, Iris Kopera, Hans Krüsi, Olga Kudrna, Augustin Lesage, Raphaël Lonné, Stefan Malicky, Angus McPhee, Heinrich Anton Müller, Christian Nachbaur, Helga Nagel, August Natterer, Michel Nedjar, Brigitte Nehiba, Heinrich Nuesslein, Sonja Plank, Guillaume Pujolle, Marco Raugei, Emile Ratier, Heinrich Reisenbauer, André Robillard, Christa Rosner, Friedrich Schröder-Sonnenstern, Armand Schulthess, Martin Schwarzinger, Gerard Sendrey, Louis Soutter, Erika Staudinger, Jutta Steinbeiß, Oswald Tschirtner, Willem van Genk, August Walla, Franz Wedl, Alois Wey, Scottie Wilson, Josef Wittlich, Adolf Wölfli, Ingrid Zahourek, Carlo Zinelli, ...


*) fett: u.a. in der Galerie KoKo, Wien, vertreten


Literatur

  • Angelica Bäumer, Kunst von Innen: Art Brut in Austria (2007). Verlag Holzhausen, Wien, ISBN 978-3-85493-126-3
  • Jean Dubuffet, Art brut: Vorzüge gegenüber der kulturellen Kunst (1949). In: Derselbe, Malerei in der Falle. Antikulturelle Positionen. Schriften Bd. 1, Bern-Berlin: Gachnang & Springer, 1991, S. 86-94, ISBN 3-906127-24-9
  • Gerd Presler, L'Art brut. Kunst zwischen Genialität und Wahnsinn, Köln: Dumont, 1981, ISBN 3-7701-1307-1
  • Bild und Seele. Über Art brut und Outsider-Kunst, hrsg. von Paolo Bianchi (= Kunstforum International Bd. 101), Köln 1989
  • Michel Thévoz, Art Brut. Kunst jenseits der Kunst, Aarau: AT Verlag, 1990, ISBN 3-85502-386-7
  • Andreas Franzke, Jean Dubuffet und die Art Brut, In: Kunst & Wahn, hrsg. von Ingried Burgger, Peter Gorsen, Klaus Albrecht Schröder, Köln: Dumont, 1997, S. 371-382,
  • Michel Thévoz, L'Art brut. Vom Untergrund zur öffentlichen Anerkennung, in: ebenda., S. 383-388, ISBN 3-7701-4273-X | ISBN 3-7701-4274-8
  • Leonhard Emmerling, Die Kunsttheorie Jean Dubuffets, Heidelberg: Wunderhorn, 1999, ISBN 3-88423-160-X
  • Leo Navratil, Art brut und Psychiatrie Gugging 1946-1986, Bd. I u. II, Verlag Christian Brandstätter: Wien 1999, ISBN 3-8544-7716-3 | ISBN 3-8544-7720-1
  • Lucienne Peiry, L'Art Brut. Die Träume der Unvernunft, Jena: Glaux, 1999, ISBN 3-931743-28-4 Unveränderter Neudruck als: Art Brut. Jean Dubuffet und die Kunst der Außenseiter Paris: Flammarion, 2005, ISBN 2-08-021029-7
  • Michael Krajewski, Jean Dubuffet. Studien zu seinem Frühwerk und zur Vorgeschichte des Art brut, Osnabrück: Der Andere Verlag, 2004, ISBN 3-89959-168-2
  • Im Rausch der Kunst. Dubuffet & Art brut. hrsg. von Jean Hubert Martin, Ausst.-Kat. Museum Kunst Palast, Düsseldorf. Mailand: 5Continents, 2005, ISBN 88-7439-227-3
  • Outsiders. An Art Exhibition without Precedent or Tradition, Kat. Hayward Gallery, London 1979.
  • Claudia Dichter, Outsider Art. Collection Charlotte Zander, Bönningheim: Museum Charlotte Zander 1999 ISBN 3-926318-31-7
  • Navratil, Leo: a + b leuchten im Klee. Psychopathologische Texte. ISBN 3446113967


Kritische Positionen zur Art Brut

  • Roger Cardinal, Outsider Art, London: Studio Vista, 1972, ISBN 0-289-70168-6
  • Harald Szeemann, Ein neues Museum für Lausanne. In: Ders.: Individuelle Mythologien, Berlin 1985, ISBN 3883960403
  • Leo Navratil, Art Brut & Psychiatry, In: Raw Vision, Nr. 15, 1996
  • Daniel Baumann, Art Brut? Outsider art? Denkfigur und Behauptung. In: Kunst-Bulletin (Schweiz), Nr. 3, März 2001, S. 12-15


Sammlungen


Kunstpreis

  • EUWARD - Europäische Kunstpreis Malerei und Graphik von Künstlern mit geistiger Behinderung


Ateliers Art Brut

Eine Auswahl der Ateliers, deren Mehrzahl im Oktober 2009 zur Ausstellung "Zwischen den Welten" in der Ovalhalle des MuseumsQuartiers/q2 in Wien präsent waren.

  • Atelier der Werkstätten der Österreichischen Caritas in Rannersdorf und Retz
  • Atelier der Werkstätten von Balance (bild.balance) in Wien
  • Atelier der Werkstätten der Österreichischen Diakonie in Gallneukirchen
  • Atelier Kunstwerkstatt "de La Tour" der Diakonie, Treffen, Kärnten
  • Atelier hpca des Augustinum in Oberschleißheim (Bayern)
  • Atelier "ARTelier" der Lebenshilfe in Lustenau, Vorarlberg
  • Atelier coopKUNSTWERKstatt der Lebenshilfeb in Gmunden, Oberösterreich
  • Atelier Kannen, Alexianer Kr. GmbH, Münster
  • Atelier eigen.art / Petra Luckey-Schär, Wien
  • Atelier FunkundKüste, Krems
  • Atelier Malwerkstatt von Jugend am Werk, Graz
  • Atelier Flip Flap von Jugend am Werk, Wien
  • Atelier Neuhauserstadel, Institut Hartheim


Galerien


Art Brut Bilder von Brigitte Nahiba und von der Gemeinschaft der Künstlerinnen in Rannersdsorf, 2007 in der Galerie KoKo, Wien.




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